Wenn wir fallen - Depression & Soziale Ängste


Am 16.7.2022 fand in den Räumlichkeiten des Kellerkinder e.V. in Berlin Friedrichshain meine selbstorganisierte Vernissage mit dem Titel "Wenn wir fallen - Depression und soziale Ängste" statt.

Auf dieser Seite möchte ich die portraitierten Menschen und ihre Geschichten sichtbar machen - auch über die Dauer der Ausstellung hinaus.

Die Texte wurden von der jeweiligen Person selbst verfasst und spiegeln das unterschiedlichen Erleben des Themas wieder.

Leider sind seelische Leiden noch immer ein Tabuthema. Lasst uns das gemeinsam ändern und darüber sprechen!


 

Malina

 

Wir sitzen im Restaurant.
Ich auf der einen, er auf der anderen Seite des Tisches.
Es ist eng, die Leute hocken dicht beieinander. Ich bin eingeklemmt zwischen fremden Menschen.

Ihre Stimmen in meinem Ohr. Alles durcheinander. Sie starren mich an. Hören mir zu. Warten kritisch auf meine nächsten Sätze. Fällen ihr Urteil, denken schlecht über mich. Davon bin ich überzeugt. Nirgends kann ich mich verstecken. Wie soll ich sitzen? Wohin mit meinen Händen? Sinnlos liegen sie herum. Ich verschränke die Arme, vergrabe die dummen Hände in meinem Pullover. Weg damit. Rauschen im Kopf. Herzrasen. Verkrampfen. Ein Kloß im Hals. Keine Worte mehr in meinem Mund. Ich, plötzlicher Mittelpunkt des Universums. Fühle mich so falsch. Möchte weinen. Möchte nicht mehr ich sein. Möchte weglaufen. Ein Gefühl des Untergehens. Bald schwappen die dunkeln Wellen über mir zusammen und ich bin ertrunken.

 

Ich brauche einen Arzttermin.

Vor mir das Handy auf dem Tisch. Die Nummer schon eingegeben.

Kann es nicht in die Hand nehmen. Kann nicht auf den grünen Hörer tippen. Eine unsichtbare Mauer zwischen mir und den Möglichkeiten, unüberwindbar. Mein Hals ist trocken, meine Lippen auch. Habe das Sprechen verlernt. Was soll ich sagen? Komme mir lächerlich vor. Als hätte ich kein Recht, meinen Namen zu nennen. Als sei ich es nicht würdig, einen Solchen zu besitzen.

Wie formuliere ich mein Anliegen? Lerne Sätze auswändig. Was, wenn mich die andere Person nicht versteht? Ich werde mich verhaspeln, die Worte nicht finden. Wo sind sie hin? All die Worte, die anderen so leicht über die Lippen kommen.

Mein Kopf so leer. Nur Rauschen darin.
Ich schreibe eine E-Mail.

 

Du wirkst doch so entspannt und locker! Hätte ich nie gedacht, dass du eine Soziale Phobie hast!“
Das sagen die Leute zu mir. Ich lächle. Mache einen Witz.
Sie wissen nicht, dass ich eine Meisterin geworden bin. Meisterin im wahre-Gefühle-verstecken.

In mir das totale Chaos. Angst frisst mich auf. Ein inneres Niederkämpfen der Panik. Runterschlucken, verdrängen, überspielen. Niemand darf wissen, dass alles in mir nach weinen und weglaufen schreit. Denn die Gesellschaft sagt, man muss lächeln.

Aber heute weiß ich: das ist gelogen.


 

Lea

 

Ein Glashaus mit Blick aufs Meer

Wogen der Freude, unerreichbar für mich

Meine Sehnsucht nach dem Leben

Verhungert heimlich am gedeckten Tisch

 

Ich habe in meinem Leben so viele Metaphern gesucht; da waren Glashäuser, graue Himmel, Regentage und halbvolle Bierdosen.

Mit all diesen Dingen habe ich versucht sie zu beschreiben. Die Depression. Die Einsamkeit, die sie mit sich bringt, das Leben, das allen so leicht von den Händen zu gehen scheint und mir so schwer auf den Schultern liegt.

Ich habe noch immer keine passenden Worte gefunden.

Keine Metapher, kein Euphemismus ändert etwas- an der Realität, den wiederkehrenden dunklen Wolken, die aufziehen, so ganz ohne zu fragen, ob sie gerade in mein Leben passen. Sie tun es nie.

Und je dringender ich die Menschen brauche, die mir etwas bedeuten, umso weiter entferne ich mich von ihnen, umso undurchdringlicher fühlt sich diese Wand an, die uns trennt.

Seit Jahren werfe ich Steine auf das Glashaus und Therapiestunden auf meine Erkrankung und so langsam zeichnen sich die Risse ab, das mögliche Entkommen, die Hoffnung, dass die dunklen Zeiten eines Tages nur noch dämmrig sind und die Metaphern von Licht geflutet und ich frei von alledem.


 

Nils

 

Wenn es eine Sache gäbe, auf die ich in meinem Leben auf jeden Fall verzichten könnte, dann wäre es die Depression.

 

Die Depression hat mich viele Jahre, Beziehungen und fast mein Leben gekostet.

Ich bin 1995 in Berlin geboren, obere Mittelschicht, eigentlich ganz „normal“ und gut behütet aufgewachsen, möchte man meinen. Woher dann die Depressionen?

Soweit ich es für mich herausgefunden habe, liegt alles weit zurück in meiner Kindheit begründet.

Ungefähr zwischen 12 und 14 habe ich mich sehr für Natur und Tiere interessiert. Als ich jedoch erstmals erfahren musste, wie furchtbar der Mensch mit beidem umgeht, hat mich das tief verletzt und geprägt. In der Pubertät ging es weiter mit dem ganzen Weltschmerz. Die naive, kindliche Weltsicht wich der grausamen Realität. Entweder man arrangiert sich dann damit oder man ist sensibel – wie ich – und es macht einen zunehmend fertig.

Ich wollte jemand sein, der am liebsten die ganze Welt „rettet“ und dadurch eine Daseinsberechtigung hat. Den tieferen Grund habe ich erst viel später erfahren: Während dieser Zeit haben sich meine Eltern sehr viel gestritten, angeschrien und befanden sich kurz vor der Trennung. Ich als Kind stand direkt dazwischen, bekam die ganzen Auswüchse einer kaputten Ehe zu spüren und versuchte, meine kleine Schwester vor diesen schrecklichen Dingen zu bewahren. Infolge der Vernachlässigung und mangelnden Anerkennung schottete ich mich immer mehr ab, floh in meinen Kopf und die Einsamkeit. Im gemeinsamen Urlaub waren die Streits und der Schmerz so schlimm, dass ich es nicht mehr ausgehalten habe. Ich war innerlich leer, ohne Antrieb, ohne irgendeine Freude und beschloss, mir das Leben zu nehmen.

Glücklicherweise hat das nicht funktioniert.

Nach zu vielen gescheiterten Beziehungen habe ich schließlich beschlossen, in Therapie zu gehen.

Um mir all die Jahre zurückzuholen, die mir die Depression geraubt hat, um draus zu wachsen und um endlich wirklich glücklich zu werden.

Ich kann nur allen aus tiefstem Herzen raten, sich Hilfe zu suchen.

Therapie macht Angst, ich weiß. Das ist ganz normal, denn so geht es uns bei den meisten Dingen, die uns im Leben voranbringen und die wir nicht kennen. Aber genau das sind die Dinge, zu denen wir uns überwinden sollten.

Ich wäre nicht hier ohne Therapie und ich wäre nicht so verdammt glücklich und dankbar, wie ich es heute bin.

 

Dum spiro, spero – Solange ich atme, hoffe ich.


 

Sarah

 

Schwach. Nicht gut genug. Irgendwie komisch, ein bisschen anders.

 

So habe ich mich immer gefühlt. Fast 30 Jahre lang.

So lange habe ich mir keinen anderen Gefühlszustand erlaubt als „alles gut“. Viel zu lange habe ich meine echten Emotionen, jegliches Gefühl außerhalb von „gut“ verdrängt und hinter Kälte, Gleichgültigkeit und scheinbarer Stärke versteckt.

Bis mein Körper so laut um Hilfe geschrien hat, dass ich es nicht mehr ignorieren konnte.

Er zeigte mir deutlich: entweder du fängst an zu leben oder ich gebe auf.

Ich habe noch nie einfach so aufgegeben.

Auch nicht diesmal. Und so begann mein Leben.

Ich verließ mein toxisches Umfeld, in dem niemand meiner „Freunde“ bemerkte, dass ich völlig am Ende war und machte mich auf den Weg zu mir selbst.

Irgendwo zwischen Angst, Hoffnung, Zweifeln und Zuversicht traf ich Jascha, die mein verunsichertes und suchendes Ich sofort in ihr Herz ließ. Und endlich fühlte ich mich sicher. Ich hatte bei ihr nie das Gefühl mich verstellen zu müssen, eine gute Stimmung vorzutäuschen – ich erlaube mir einfach zu sein und kann Verabredungen spontan mit der Begründung „keine Lust“ oder „ist mir alles zu viel“ absagen ohne, dass sie mir böse ist. Dieses Glück kann ich manchmal immer noch nicht begreifen. Von ihrer Depression erfuhr ich erst Wochen, wenn nicht sogar Monate nachdem wir uns kennenlernten. Und ich ahnte auch nichts davon.

 

Sie wusste ebenfalls nichts von meinen Ängsten, von den Panikattacken und dem Gefühl nie gut genug zu sein. All diese Dinge sieht man uns nicht an. Wir verstecken sie auch sehr gut vor anderen, aber nicht voreinander.

Die Freundschaft mit Jascha kam so unerwartet – heute kann ich mir nicht mehr vorstellen sie nicht in meinem Leben zu haben. Sie hilft mir immer wieder aufs Neue zu verstehen: Ich bin gut, so wie ich bin. Mit allen Emotionen, depressiven Phasen, Selbstzweifeln und Ängsten. Ich kann ihre Depression nicht heilen. Sie kann mir meine Ängste nicht nehmen. Aber wir wissen, dass wir damit niemals mehr allein sein werden.

 

Die Freundschaft ist mein Safe Space, mein Panic Room, in den ich flüchten kann, wenn alles zu viel wird und der mich die schönen Momente, die guten Tage unbeschwert genießen lässt. Weil ich weiß, dass sie immer da ist

 

Jascha

 

Ich lebe seit sechs Jahren mit Depression.

Als ich damals mit der Therapie anfing, wussten meine Schulfreunde noch nicht, wie es mir ging.

Ich wollte daraus keine große Sache machen, nicht die mit dem psychischen Knacks sein oder bemitleidet werden. Wenn ich Treffen absagte oder nicht zum Unterricht kam, erzählte ich beispielsweise, ich hätte Kopfschmerzen. Das wurde ohne Nachfragen akzeptiert.
Obwohl ich sicher war, dass mich ohnehin niemand verstanden hätte, fühlte es sich blöd an, mir immer Ausreden auszudenken.
Nach ein paar Monaten weihte ich meine Freunde schließlich ein.
Danach benutzte ich keine Ausreden mehr, sondern sagte einfach, wenn ich mich nicht gut fühlte.
Trotzdem fühlte ich mich nie wirklich verstanden, weil ich in der Gruppe die Einzige mit einer psychischen Krankheit war.

Jetzt wohne ich seit knapp drei Jahren in Berlin und habe hier viele Menschen kennengelernt, die zur Therapie gehen oder gegangen sind.
Dadurch habe ich gemerkt, wie normal das eigentlich ist und kann offener mit meiner Krankheit umgehen.

Mit meinen jetzigen Freundin Sarah rede ich über Gefühle und Probleme genauso entspannt, wie wir über die Arbeit oder andere Themen reden.
In einem Satz geht es darum, was in der Therapie besprochen wurde, und im nächsten geht es um eine leckere neue Eistee-Sorte.
Das Thema ist bei uns immer präsent, aber auf eine angenehme Art.
Wenn es mir nicht gut geht und ich deshalb lieber zu Hause bleiben möchte, statt zum Mädelsabend zu kommen, fragt Sarah ob ich irgendetwas brauche, und dann geht es weiter.
Gleichzeitig fühle ich mich nicht zu sehr belastet, wenn es ihr selbst mal nicht gut geht.
Wir bieten uns einfach gegenseitig ein offenes Ohr oder Schokolade an.
Doch niemand erwartet von der anderen eine Lösung.

Ich glaube, Freundschaften können durch Depressionen sehr belastet werden.

Entweder fehlt das Verständnis oder jeder läd seine Probleme bei den Freunden ab.
Sarah und ich haben zum Glück eine gute Balance gefunden und wahrscheinlich ist unsere Freundschaft sogar wegen dieser Gemeinsamkeit noch stärker.



 

Mette

 

Ich habe Depressionen seit ich zehn bin.


Die Diagnose bekam ich mit zwölf. Seither befinde ich mich in Behandlung und nehme Medikamente.

Wenn ich meinem Umfeld erkläre, es sei eine harte Zeit gewesen oder aktuell wieder schlimmer geworden, stoße ich leider auf wenig Verständnis.

Immer wieder höre ich Aussagen wie: „Aber du hast doch alles!“, „Du bist doch glücklich!“,

„Aber du hast doch jetzt eine Beziehung!“, „Letztens habe ich dich lachen sehen...“.

Ja, ich habe all diese Dinge. Und ja, ich bin glücklich.

Es ist mir auch erlaubt glücklich zu sein, trotz meiner Diagnose und der Dinge, die andere nicht sehen.

Was Außenstehende nicht wahrnehmen, ist die unglaubliche Kraft und diese unglaubliche Überwindung die es für mich bedeutet, jeden Morgen aufzustehen.

Mich immer wieder selbst zu überzeugen, dass es sich lohnt, dass es sich immer noch lohnt.

Sie sehen nicht die unendlichen Stunden, die ich mit meinen Gedanken allein bin. Mit Gedanken die mir ganz schlimme Sachen einreden wollen. Wie sehr ich genau dagegen ankämpfe.

Sie sehen nicht die Panikattacken oder fühlen das Gefühl zu ersticken.

Sie sehen nur was ich ihnen zeige, das Lächeln.

Menschen denken, nur weil du nach außen fröhlich wirkst, bist du nicht mehr depressiv.
Also habe ich das Gefühl, nicht mehr lächeln oder glücklich sein zu dürfen, weil man mir dann nicht mehr glaubt.
Ich lächle und habe Depressionen, ja.

 

Denn ich bin nicht meine Depression. Ich bin immer noch ein Mensch, ich bin immer noch ich!


 

Christina

 

Alles ist rosa. Alles stinkt.

Mir bleibt immer noch mein Lächeln. Das kann ich abrufen.

Es dämmert.

Da ist sie wieder. Die dunkle Wolke.

Verführerin.

Ihr Nebelflüstern verspricht alles und nichts.

Ihr Zuckerwattekuss gefährlich nah.

Wie schmeckt das Nichts?

 

Alles ist rosa. Alles stinkt.

Ich schreie still

und staubtrocken fällt

Regenwolkenschauer.

Meine Helden sind tot.

Alltagsillusionen lachen mich aus

denn ich quäle mich in der Nacht

und zerschlafe den Tag.

 

Jetzt mach mal, du bist doch Schauspielerin!

sagen sie.

Menschen mögen selbstbewusste, lustige Leute.

Das lenkt ab.

Sie feiern die Todesmutigen.

Nicht die Lebensmüdegewordenen.

 

Alles ist rosa. Alles stinkt.

Gleich soll angeblich die Sonne scheinen.

Leben für die kleinen Dinge!

sagen sie.

Betonwolkenakademiker.

 

Es dämmert.

Da geht sie wieder. Die dunkle Wolke.

Allmächtige.

Ich küsse farblos ihre Schatten.

Ich trinke den Wind

und zertanze das Nichts.

 

Alles ist rosa. Alles stinkt.

Mir bleibt ja immer noch mein Lächeln. Das kann ich abrufen.


 

Tui

 

Mich selbst darzustellen und zu inszenieren, das ist meine Stärke.

Sei es auf der Bühne oder vor der Kamera.

Vielleicht ist das auch nicht sonderlich verwunderlich. Mit Depressionen blieb mir damals nichts anderes übrig. Entweder du versuchst den Schein zu wahren oder du rutschst ab und gehörst nicht mehr zum „anerkannten Teil“ der Gesellschaft. Eine meiner größten (irrationalen) Ängste.

 

Meine Depressionen äußerten sich damals so, dass ich oft keinen Antrieb hatte den Tag zu beginnen. Mein Freund versuchte, mich morgens zum Aufstehen zu motivieren. Ich tat es. Doch sobald er das Haus verließ, legte ich mich wieder ins Bett. Wenn ich es dennoch schaffte, zur Abreit zu gehen, dann fiel Außenstehenden meist nicht auf, dass es mir nicht gut ging:

„Du lachst doch so viel!“.

Auch augenscheinlich fröhliche Menschen können unter Depressionen leiden. Oft sind es sogar genau die, die am lautesten lachen und am empathischsten sind.

Ich war nie suizidal. Ich habe selten geweint. Es war viel mehr eine große Monotonie, die ich empfand. Manchmal habe ich mir auch gewünscht, dass das anders wäre. Ich wäre lieber „sehr traurig“ gewesen, anstatt gar nichts zu empfinden. Mein bester Freund fragte mich damals, ob ich keinen Spaß hätte, wenn wir unterwegs wären. Ich hatte Spaß, aber irgendwie war da immer eine Art Plexiglasscheibe zwischen mir und diesen Geschehnissen. Zwischen mir und allen Gefühlen. Als würde ich sie gar nicht richtig wahrnehmen und erleben. Wenn ich nach schönen Treffen wieder Heim ging, dann fühlte sich alles Gute bereits sehr weit weg und verblasst an.

So ging es ungefähr zwei Jahre, bis ich meine Therapie begann. Da waren die schlimmsten Phasen bereits abgeklungen und ich nutzte die Therapie, um die gesamte Zeit zu reflektieren.

Nach einigen dutzend Sitzungen, kehrte auch meine Gefühlswelt zurück und die

Plexiglasscheibe löste sich langsam auf. Mit den Gefühlen kamen aber auch nicht nur „gute“ Emotionen: Ich musste wieder lernen, die ganze Palette an Emotionen aufzunehmen und damit umzugehen. Davor hatte mich die Scheibe die vergangenen Jahre versucht zu schützen. Einen Schutz, den ich nicht mehr brauchte und den ich langsam ablegen wollte. Nun endet meine Therapie in einigen Wochen und ich bin froh, dass ich viele Kleinigkeiten des Alltags wieder genießen kann.

 

Es ist schwer, Menschen, die noch nie eine Depression hatten, zu erklären, wie sich das anfühlt und was es mit dir und deiner Gedankenwelt macht. Umso dankbarer bin ich für diese Ausstellung, für die Zunahme der Aufklärung durch soziale Medien und auch durch Personen, die offen über ihre Krankheit reden und sich somit für die Auflösung der Stigmatisierung einsetzen.


 

Anna

 

In meiner Familie wurde nie über Depressionen geredet.

 

Obwohl ich mittlerweile weiß, dass es einige Fälle in meiner Familie gibt, wurde darüber nie wirklich kommuniziert. Als wäre das ein schmutziges Geheimnis.

Als ich mich mitten in meinem Kuststudium befand, wurde ich ungeplant schwanger.

 

Ich hielt dennoch an der Idee fest, mein Leben könnte genau so weiter gehen wie bisher.

Die Realität erwischte mich ziemlich hart und ich schob all die plötzlichen Ängste auf die schwierige Schwangerschaft, die mit extremer Übelkeit einherging - wegen der ich sogar zwei Mal stationär im Krankenhaus versorgt werden musste - und natürlich auf die Hormone.

Die Abwärtsspirale zog mich tiefer und tiefer. Dass es eigentlich meine Psyche war, die überhaupt nicht mit den vielen Veränderungen hinterher kam, realisierte ich kein Stück.

Ich hatte das Gefühl völlig durchzudrehen, Panikattacken gehörten in dieser Zeit zu meinem Alltag. Die ziemlich wackelige Beziehung zum Vater meines Kindes geriet immer weiter zum Stressfaktor und in unseren emotionsgeladenen Streitgesprächen dissoziierte ich häufig, sodass ich mich manchmal direkt im Anschluss nicht mehr an die Gespräche erinnern konnte.

Da ich keinerlei Idee hatte, was da gerade passierte, verstand ich einfach nicht, was mit mir geschah. Der völlige Verlust meiner Selbstwirksamkeit und das Gefühl, meinen Stimmungen hilflos ausgeliefert zu sein, ist das, was ich am stärksten aus dieser Zeit erinnere.

Die Geburt empfand ich zum Glück als schön und ich hatte auch keinerlei Schwierigkeiten,

eine Bindung zu meinem Sohn zu spüren und vertraute meiner sehr starken Intuition, als Mutter alles richtig zu machen. Ich erlebte zwei Wochen pures Glück und dachte, ich wäre über den Berg, bevor die Depression mich erneut an die Wand klatschte.

 

Besoders die toxische Beziehungsdynamik zum Vater meines Kindes verschlimmerte meinen Zustand immer wieder, bis ich endlich Hilfe bei Profamilia fand, die mich an das Zentrum für seelische Frauengesundheit vermittelten, wo mich eine sehr verständnisvollen Psychaterin behandelte. Sie schaffte es, mich durch eine leichte Medikation aus dem ewigen Teufelskreis von Mutlosigkeit und Selbstzweifeln heraus zu holen. Die mehrmalige Umstellung der Medikamente, das Absetzen, das Warten, zog sich über mehrere Wochen und endete damit, dass meine Beziehung an dieser letzten zähen Strecke zerbrach.

Ich habe mich in einem impulsiven Streit vom Vater meines Kindes getrennt. Eigentlich war

es ein Schrei nach Hilfe, um des Gesehenwerdens und überhaupt nicht ernst gemeint.

Aber in diesem Moment konnte ich einen kleinen Teil der verloren geglaubten Kontrolle zurückgewinnen und von da an an ging es wieder bergauf.

Es dauerte danach noch über anderthalb Jahre, die ich mit psychatrischer und therapeutischer Hilfe verbrachte, um mich wieder zu stabilisieren. Die meisten Gefühle aus der Zeit habe ich mit meiner Therapeutin erstmal in eine große mentale Truhe gepackt und

ganz tief in meinem Inneren vergraben, um es mir später in Ruhe ansehen und bearbeiten zu können, wenn ich mich wieder stabiler fühlte.

 

Als ich mich nach einigen Jahren auf die Beziehung mit Sebas einließ, begann ich, diese Truhe wieder zu öffnen, um die ganzen Altlasten Stück für Stück abzuarbeiten und nicht in die neue Beziehung zu bringen.

Mit einem Partner, der, wie sich nach einem halben Jahr herausstellte, selbst mit Depressionen haderte, zusammen zu sein, triggerte viele meiner alte Unsicherheiten. Da ich wusste, wie es sich anfühlt, in der Depression gefangen zu sein, versuchte ich, Verständnis aufzubringen, und schaffte es doch nie komplett, die Krankheit meines Partners nicht als persönliche Ablehnung zu empfinden.

In meinem Wunsch zu helfen und gleichzeitig dem Verlangen, die Kontrolle zu behalten, habe ich ziemlich viel Verantwortung für alle möglichen Bereiche in der Beziehung auf mich

genommen. Bis es am Ende zu viel und zu eng wurde und wir einsehen mussten, dass wir uns nur durch Abgrenzung vom Anderen wieder als Individuen auf Augenhöhe begegnen konnten.

Die Entscheidung, uns zu trennen, trafen wir ziemlich rational und schafften es, unsere Bedürfnisse so zu kommunizieren, dass das Ganze ohne große gegenseitige Verletzungen auseinanderging.

 

Wir schätzen uns immer noch sehr und würden uns wohl jetzt als enge, wohlwollende Freunde bezeichnen. Wir können wieder Spaß miteinander haben. Herumalbern.

 

Und wissen, dass wir immer füreinander da sein werden.

 

Sebas

 

Eine Sommernacht 2017.

 

Zitternd und ununterbrochen weinend hastete ich die Straßen entlang.

Mein linker Unterarm blutete.
Obwohl ich heute das Gefühl habe, dass ich es nicht hätte tun sollen, hatte ich wenige Minuten zuvor meine Ex-Freundin angerufen, mich verabschiedet und versucht, meinem Leben mit Hilfe eines Skalpells ein Ende zu setzen. Ich hatte diesen erbarmungslosen Schmerz, der an meinen Eingeweiden zerrte und mit aller Kraft in die Tiefen meiner Seele dran, einfach nicht länger ertragen können.

 

Als die Wunde stark zu bluten begonnen hatte, obwohl der Schnitt nicht tief gewesen war, war mir bewusst geworden, welch riesigen Fehler ich begangen hatte. Völlig aufgelöst war ich losgelaufen, um Hilfe zu holen. Nun hielt ein Krankenwagen direkt vor mir an und brachte mich in eine psychiatrische Klinik. Es stellte sich heraus, dass ein Freund meiner Ex-Freundin die Sanitäter gerufen hatte. Meine Wunde wurde versorgt und ein Psychiater kam zu mir. Obwohl ich mich verpflichtet fühlte, mit ihm zu reden, tat ich es nicht. Wie könnte jemand, der mich gar nicht kannte, all den Schmerz verstehen, den ich so lange mit mir herumgetragen hatte?

 

Ich konnte nur noch weinen, als ich den Schaden betrachtete, den ich der für mich wichtigsten Person auf der Welt zugefügt hatte, nämlich mir selbst.

 

Schließlich entlies ich mich selbst und irrte anschließend ziellos und zutiefst verwirrt umher. Irgendwann schaffte ich es nach Hause. Wie lange ich dafür gebraucht habe, weiß ich nicht. Ich erinnere mich nur an die Leere und die Traurigkeit, ganz allein in einer Stadt zu sein, die mir völlig fremd war. Das war der schwierigste Moment, den ich in all den Jahren mit der Depression, dieser stillen Krankheit, erlebt habe.
Schließlich aber siegte der Wunsch, in Frieden zu leben.

 

Das Glück taucht immer häufiger auf und die guten Momente überwiegen inzwischen.

Ich habe verstanden, dass man aus dem Komplizierten lernen und gestärkt daraus hervorgehen muss.

 

Der Wunsch zu sterben war nie ein Akt der Feigheit, wie ich es von vielen gehört habe.

Niemand, der noch nie schwer depressiv war, kann verstehen, wie schwer es ist, so viel Schmerz zu ertragen. Deshalb habe ich verstanden, dass diejenigen, die so weit gegangen sind, sich wegen dieser Krankheit das Leben zu nehmen, nicht verurteilt werden sollten.

 

Ich wünschte, wir als Gesellschaft könnten das genau so sehen, damit wir gemeinsam mehr Menschen in diesem Zustand retten können.