Wohnungslos in Berlin - Leben ohne Zuhause


 

Vier Hochbetten, zwei Metallschränke und ein Hocker aus Bierkästen – in diesem kargen, aber dennoch modern anmutenden Hostelzimmer treffe ich Tom*.

Der 28jährige sitzt zwischen seinen Habseligkeiten, die auf dem Dielenboden verstreut liegen.
Viel hat er nicht dabei, nur das Nötigste.

Mit seinen Sneakern, der sauberen Jeans und Sonnenbrille sieht er nicht gerade aus, wie der 'klassische' Obdachlose.

Genau genommen ist er das auch nicht - obdachlos.
Zwar hat Tom keine Wohnung, kein WG-Zimmer, keine Meldeadresse, doch auf der Straße lebt er nicht.

Seit über einem Jahr kommt Tom mal hier mal da unter, übernachtet bei Bekannten und zieht von Hostel zu Hostel.

Sogar in Notunterkünften, Wohnheimen und einer Krisenwohnung hat er Zuflucht gesucht – nur nicht auf der Parkbank landen, ist sein oberstes Gebot.

 

Laut der aktuellsten Studie der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. aus dem Jahr 2016 gibt es über 860.000 sogenannte Wohnungslose in Deutschland.

Ein circa 150 prozentiger Anstieg seit 2014.

Für 2018 wurde abermals mit einem rasanten Anstieg auf insgesamt 1,2 Millionen wohnungsloser Menschen gerechnet.

Tom ist einer von ihnen.

 

Gründe, warum sich jemand gezwungen sieht, seine aktuelle Wohnung zu verlassen, gibt es viele.
Scheidung oder Trennung, Probleme mit den Mitbewohnern, Kündigung des Arbeitsplatzes, Schulden, Eigenbedarfskündigung oder der stetige Anstieg von Zwangsräumungen.
Besonders aktuell sind außerdem die exorbitant steigenden Mieten.
55 Prozent der Menschen mit einem Nettoeinkommen unter 1500 Euro gaben 2017 in einer Forsa-Umfrage an, Angst davor zu haben, sich ihre Wohnung in ein paar Jahren nicht mehr leisten zu können. Aber auch bei denjenigen, die bis 3000 Euro netto verdienen, waren es 49 Prozent.
Im Normalfall würde ein Umzug in eine andere, günstigere Wohnung das Problem lösen.

Doch was, wenn schlicht nicht genug bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung steht und mit einem Umzug die Probleme erst so richtig anfangen?
So war es auch bei Tom.

Im April 2018 musste er nach heftigen Auseinandersetzungen mit seinem Mitbewohner überstürzt ausziehen. Dieser hatte Toms Zimmer bereits anderweitig untervermietet und kümmerte sich nicht um die offizielle Kündigungsfrist.

Seine privaten Gegenstände versteckte Tom, der sich zu dieser Zeit nach der Schule in einer Übergangsphase befand, auf dem Dachboden des Hauses.

Dass er einmal quasi über Nacht obdachlos werden würde, hätte er sich vorher auch nicht träumen lassen.

Natürlich hätte der junge Mann gegen das Verhalten seines Mitbewohners vorgehen können, immerhin besaß er einen rechtmäßigen Untermietsvertrag, doch den Elan und die Kraft dazu konnte und wollte er nicht aufbringen.

„Was hätte das geändert? Dann hätte ich drei Monate länger Zeit gehabt, mir was Neues zu suchen, aber wer findet in Berlin schon innerhalb von drei Monaten eine Wohnung? Das wäre den Aufwand nicht wert gewesen.“, sagt Tom zerknirscht, als wir im 36Rooms am Görlitzer Bahnhof sitzen, wo er schon seit einigen Wochen wohnt.

 

In Berlin fehlen derzeit rund 100.000 Wohnungen, wie aus dem Wohnungsmarktbericht 2018 der Investitionsbank Berlin (IBB) hervorgeht.

Und das, obwohl die Hauptstadt die höchste Bauintensität seit über 20 Jahren verzeichnet.

Wer einmal das Glück hatte, einen Mietvertrag zu unterzeichnen, kann sich von dem Gedanken eines späteren Umzuges praktisch verabschieden. Die Binnenwanderung in Berlin sei auf acht Prozent gesunken, heißt es in dem Bericht der IBB.

Wohin also, wenn man bei überfüllten WG-Castings für überteuerte Zimmer nicht punkten kann und auch nach fünfzig Besichtigungen wieder eine oder einer der dreihundert anderen BewerberInnen die Einzimmerwohnung bekommt? Was tun, wenn man auf dem vierzigsten Platz der Warteliste für eine Genossenschaftswohnung steht und selbst die Bewerbungen für eine Wohnung mit Wohnberechtigungsschein ins Leere laufen? Bei Hartz4-EmpfängerInnen übernimmt das Jobcenter die Kosten der Unterkunft. Die Obergrenzen der Mietpreise, bis zu denen das Jobcenter übernimmt, sind jedoch nicht an die tatsächlichen Mieten in der Hauptstadt angepasst.
Auch hier kommt es wieder zum bekannten Problem: Viel zu viele BewerberInnen und viel zu wenig günstige Wohnungen.
Tom berichtet, dass er auf seiner Reise durch verschiedene Hostels der Stadt mehr Wohnungslose als Backpacker angetroffen hat.

„Die Hostels sind bevölkert von Leuten wie mir. Leuten, die einfach keine Wohnung finden, obwohl sie teilweise Vollzeit arbeiten gehen und ein festes Gehalt vorweisen können. Sogar Familien mit kleinen Kindern gibt es hier.“

Ich kenne Tom aus der Schule und bin zufällig durch einen Facebookpost auf seine Situation aufmerksam geworden.

Er sagt, er habe sich lange gescheut, nach Hilfe zu fragen, war zu stolz, dachte, er müsste die Sache allein regeln.

Jetzt wirkt er beinahe erleichtert, als ich ihn frage, ob er mir seine Geschichte erzählen würde.

Denn Reden hilft. Natürlich kann es nicht konkret seine oder die Lage der anderen 30.000 Wohnungslosen verbessern, doch es kann Aufmerksamkeit schaffen für dieses stetig zunehmende Problem, für das es bislang keine gezielten Lösungen gibt.

 

Gestikulierend erzählt mir Tom, dass er zunächst eine Weile bei Freunden, Freundinnen und Bekannten untergekommen sei. Eine Dauerlösung war das natürlich nicht. Er wolle niemandem zur Last fallen.

Gemeldet war er noch immer in seiner alten WG, doch weil er ein Aufeinandertreffen mit seinem ehemaligen Mitbewohner unbedingt vermeiden wollte, holte Tom seine Post nicht ab.

Da er somit auch auf die Briefe des Jobcenters nicht reagierte, strich Selbiges ihm alle Leistungen.

Mit 83€ auf dem Konto stand er über Nacht auf der Straße.

„Ich war ziemlich fassungslos, aber ich hatte mir das zum Teil selbst eingebrockt, also musste ich es auch allein ausbaden“, erzählt er.

Durch Zufall erfuhr Tom von einer sogenannten Krisenwohnung des Drogennotdienstes, wo er sich sechs Tage lang ein Hochbett mit einem Nazi teilte, der ein Hakenkreuztattoo auf seinem Finger spazieren führte.

„Da waren schon richtig kaputte Leute, mir war klar, dass ich dort so schnell wie möglich weg musste, um nicht die Hoffnung zu verlieren“.

Tagsüber verbrachte er die Zeit auf Ämtern oder in der Bibliothek, wo er im Internet seine Möglichkeiten recherchierte.

Als er seinen Übernachtungsschein für die Krisenwohnung nicht verlängerte, bekam er eine Sperrnacht und wusste nicht wohin. Wieder stand er mit seinem Reiserucksack auf der Straße.

„Ich bin dann zu dem Sozialwohnungsamt in dem Bezirk gefahren, in dem ich noch gemeldet war. Dort hat man mir einen Platz in einem Obdachlosenwohnheim vermittelt und mich auch gleich von vornherein davor gewarnt.“

Tom berichtet, er sei auf direktem Wege zu besagtem Heim gefahren, doch die MitarbeiterInnen hatten schon Feierabend, als er ankam.

„Da war nichts zu machen und mir blieb dann doch nichts anderes übrig, als auf der Parkbank zu schlafen. Da war ich echt am Ende.“ Einmal und nie wieder, schwor er sich.

Die Frau vom Sozialwohnungsamt hatte nicht übertrieben. Das Wohnheim ist kein Ort, an dem man sich länger als unbedingt nötig aufhalten will. Tom versteht jetzt sehr gut, warum sich viele Obdachlose weigern, in eine solche Einrichtung zu gehen und es vorziehen, auf der Straße zu leben.

Für ihn ist das allerdings keine Option. So schäbig und eklig es auch sein mag, in dem Heim kann er sich waschen, duschen, Zähneputzen; was die Chancen auf dem Arbeitsmarkt drastisch erhört. Denn das war sein oberstes Ziel: einen Job finden, Geld verdienen, ein festes Gehalt bekommen und dann nichts wie raus aus dieser trostlosen Unterkunft.

„Dieser Ort ist einem echt zu Kopf gestiegen. Die Menschen, die dort gelebten, hatten größtenteils alle Hoffnung aufgegeben. Die haben sich da häuslich eingerichtet und nicht daran geglaubt, jemals wieder ein eigenständiges Leben zu führen. Da hab ich gemerkt, dass ich aufpassen und immer in Bewegung bleiben muss.“

Er meint die Depression, mit der er früher schon zu kämpfen hatte. Er fürchtet, dass ihn die schwierige Situation überfordert, runterzieht und er es nicht mehr aus eigener Kraft heraus schafft.

Überall Kameras, Securitys, Leute, die gerade frisch aus dem Gefängnis entlassen wurden, unhygienische Zustände, keine Privatsphäre, ständig Streit, unfreundliche MitarbeiterInnen und die Gewissheit, ganz unten angekommen zu sein und auch so behandelt zu werden.

 

Um seinem Ziel schnell näher zu kommen, heuerte Tom in einer Zeitarbeitsfirma an und unterschrieb direkt beim Bewerbungsgespräch den Vertrag.

Er sagt, er hätte alles unterschrieben. „Mir war egal was, ich wollte bloß arbeiten und Geld verdienen, um mir wieder eine Wohnung oder ein WG-Zimmer suchen zu können“.

Fortan arbeitete der junge Mann Vollzeit auf dem Bau. Sein Arbeitgeber machte ihm klar, dass er keinen Tag fehlen darf, wenn er den Job behalten will. Das Jobcenter jedoch verlangte persönliches Erscheinen. Außerdem musste er die Bescheinigung für die Kostenübernahme des Wohnheimplatzes dort abholen, denn die Heimleitung machte Druck. Ihr waren seine Probleme mit dem Arbeitgeber egal. Aus Angst, gekündigt zu werden, ging er wieder nicht zum Amt.

Im Heim liegen außerdem Anwesenheitslisten aus, auf denen man je nach Sympathie täglich oder auch nur wöchentlich unterschreiben muss.

Tom konnte keine Sympathiepunkte beim zuständigen Personal sammeln und flog schließlich raus.

Als er mir aufgeregt davon berichtet, wird er laut: „Da konnten Leute einfach unterschreiben, wann sie wollten. Manche einfach für einige Tage im Voraus, andere mussten jeden Tag ihre Unterschrift auf die Liste setzen. Das lief da alles so, wie es den Mitarbeitern gerade passte. Total willkürlich. Ich hab dann in dem ganzen Stress mit Jobcenter und Arbeit einmal vergessen zu unterschreiben und da hatten sie endlich einen Grund mich vor die Tür zu setzen.“

Es war schon spät, doch man verwies ihn dennoch an die Notunterkunft am S-Bahnhof Frankfurter Allee. Dass er über eine Stunde Fahrzeit hatte und ab 21:30 Uhr dort ein Aufnahmestopp erfolgen würde, sagte ihm niemand.

Als er ankam, stand er vor verschlossenen Toren und sah sich schon wieder auf der Parkbank liegen.

„Ich hab dann mein Glück in einem Hostel versucht und der nette Angestellte hat mich auf einem Sessel in der Lobby schlafen lassen.“

Am nächsten Morgen quartierte sich Tom anschließend für eine Woche in der Notunterkunft ein. Dort sei es deutlich angenehmer gewesen, als in dem Obdachlosenwohnheim, erinnert sich Tom.

„Die Mitarbeiter waren sehr freundlich, die haben sich wirklich für einen interessiert und auch versucht zu helfen. Selbst die meinten, sie hätten langsam die Schnauze voll davon, dass die in besagtem Wohnheim ständig willkürlich Leute rauswerfen.“
Obwohl die Stimmung dort besser war, zog Tom mit seinem ersten Gehalt sofort in ein Hostel um.
Eine Weile später, ging er dan zum Arzt. „Ich war einfach total im Arsch. Die Depression kam wieder hoch und durch den ganzen Stress und die emotionale Belastung hatte ich auch meinen Fokus verloren.“ Den Job bei der Zeitarbeitsfirma hatte er auf Anraten einer Ärztin gekündigt.

Manchmal arbeitet er jetzt in den Hostels und darf dafür kostenlos übernachten.

Er sagt, er sei „irgendwie total versackt“ und „kann nicht zur Ruhe kommen“.

Die unschönen Erlebnisse in den Hostels machen Tom zu schaffen.

 

„Einmal war es richtig heftig“, schildert er erregt, „da gab es eine Auseinandersetzung mit einem Typen, der ständig auf Streit aus war. Ich wollte keine Probleme und hatte mit dem nichts zu schaffen, doch weil er fand, dass ich nachts zu laut sei, hatte er mir schon zweimal gedroht, mir die Kehle aufzuschlitzen.“. Da die Hostelleitung nichts unternahm, stellte Tom den Mann eines Tages selbst zur Rede. Als dieser jedoch mit geballten Fäusten auf ihn losging, schubste Tom ihn weg. Diese Selbstschutzreaktion versetzte den Angreifer jedoch erst richtig in Rage. „Irgendwoher hatte der plötzlich eine abgebrochene Flasche und hat mich damit am Hals verletzt.“
Die Frau des Herbergenbesitzers, die Tom um Hilfe bat und sie aufforderte, den aggressiven Mann vor die Tür zu setzen, wollte davon nichts wissen. Im Gegenteil, sie erteilte Tom Hausverbot. „Von dem Besitzer konnte ich auch keine Hilfe erwarten, der hatte genug mit seinem Alkoholproblem zu tun. Ich bin dann auf mein Zimmer, hab mich aufs Bett gelegt und muss eingeschlafen sein. Als dann die Polizei kam, die ich selbst noch gerufen hatte, warfen die mich raus, weil ich mich trotz des Hausverbotes noch im Hostel aufhielt. Dabei hatte ich mich nur kurz ausruhen wollen.“

Gegen den Mann läuft aktuell ein Verfahren wegen schwerer Körperverletzung.

Während Tom mir das erzählt, sitzt er auf seinem Hochbett und fährt sich mit der Hand durchs Gesicht.

Sein letztes Bewerbungsgespräch ist gescheitert. Ohne Arbeit auch keine Wohnung.

Doch immerhin hat er endlich eine Rückzahlung vom Jobcenter erhalten, auf die er sehr lange warten musste.

Tom wirkt müde, abgespannt.

Aber nicht hoffnungslos.

Er ist zuversichtlich, dass er nun bald eine neue Arbeitsstelle bekommt und seine Odyssee endlich ein Ende findet.

„Ich hoffe auf eine nette WG nicht allzu weit ab vom Schuss. Coole Leute, die ein Zimmer zu einem akzeptablen Preis anbieten und nicht dreißig Leute zum Casting einladen.“

Sicher, er hätte längst anfangen können zu suchen, doch es ist ihm unangenehm seine Lage zu erklären.

„Wenn dann alle sagen: 'Ja, ich studiere BWL und Kunstgeschichte im Nebenfach und was machst du so?' Was soll ich da antworten? 'Ja, also ich bin arbeitslos und wohn in nem Hostel?' Das kommt sicher nicht so gut an.“

 

Allein in Berlin leben über 30.000 Wohnungslose.

Genaue Zahlen sind nicht bekannt, da eine offizielle Wohnungslosenstatistik bis dato nicht existiert.

Toms Geschichte ist eine von vielen. Jeder dieser 30.000 Menschen hat seine ganz individuellen Gründe in eine solche Situation geraten zu sein.

Doch was sie alle gemein haben, ist die Tatsache, dass ihnen nicht geholfen werden kann, so lange der Profit Einzelner schwerer wiegt als die Menschlichkeit und das Grundrecht auf Wohnen.

 

 

 *Name geändert

 

 Malina Bura,

 27. April 2019

 


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